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Herwarth Walden (1878 – 1941) Aber als es Morgen wurde und Goldwarth in einen fremden Garten eindrang, mir
Blumen zu pflücken, raffte ich mich auf und flüchtete über die weiten Wiesen. Und ich rastete nicht, bis ich die Berge sah und ihn auf dem Gipfel. Ich rief, aber
es schallte dumpf zurück, und ich fühlte plötzlich, dass ich ihn nie mehr erreichen würde. Immer wenn ich auf den Bergen stand, wandelte er im Tal, und
manchmal glaubte ich, das Tal wandle um ihn, und wenn ich über die spitzen Steine talwärts schritt, stand er oben auf der Höhe. Und ich suchte nach seiner
Stimme, denn meine Füße bluteten schon. Endlich in einer späten Abendstunde hörte ich meinen Namen rufen – und dann: “Mädchen, das mich sucht, meines
Herzschlags tiefster, es liegt eine schwere Wanderung hinter mir, von Welt zu Welt, ich habe nicht mehr weit bis zum himmlischen Stern.” Ich lauschte noch lange, aber immer dichter sank der Nebel zwischen uns.
Else Lasker-Schüler
Ich habe Herwarth Walden während der vierzehn Jahre, die wir zusammen verlebten, nie körperlich krank gesehen. Er konnte essen, was er wollte; aß allerdings nie viel, doch immer sehr
rasch, viel zu rasch. Im Trinken war er mäßig, nur in einem war er unmäßig: Schwarzen Kaffee trank er literweise,
ganz schwarz, ohne Zucker und ohne Milch. Er rauchte enorm viel, aber nur Zigaretten, davon aber sicherlich etwa 60 bis 70 Stück pro Tag. Dabei schlief er, wenn er sich hinlegte, sofort ein. ...
Praktische Fähigkeiten hatte er überhaupt keine. Er hätte sich nicht mal eine Tasse Tee selber zubereiten können....Ein merkwürdiger Typ. Sicherlich ein Einzeltyp, ein Original, mit dem es an sich nicht leicht war,
zusammenzuleben. ... Andererseits war seine polemisch-aggressive Veranlagung sehr stark. Und sie diente ihm – vielmehr der neuen
Kunst - , denn seine Kampfartikel waren gefürchtet wegen der unerbittlichen Schärfe und dem beißenden Spott, mit denen er darin seine Gegner überschüttete. Nell Walden, 1950Rudolf Blümner (geb. 1873,
gestorben am 3. September 1945) Vortragsabend
Ich höre meine Seele singen die Flammen junger Stunden steigen auf im Dunkel leuchtet eine Stimme fremd und ich. Ich blühe ströme überströmt empor in meiner Seele Heimat, meine Sterne!
Kurt Heynicke ...das Unerhörte einer läutenden Lautwerdung lässt sich ungehört nicht vernehmlich oder vorstellbar machen.
Tief zu bedauern ist darum die schmerzliche und unverständliche Tatsache des völligen Fehlens von Schallplatten, die uns dieses Meisters Stimme und Sprechkunst hätten erhalten und nacherleben lassen
können. Wenn man Vergleiche anstellen wollte, so wäre man nur berechtigt, an die Sprechkunst von Josef Kainz zu erinnern, der in einem entsprechend überragenden Sinne ebenfalls ein Urlautformer und Sinnvermittler
vermöge einer machtvollen Steigerung der Tonfallfolgen gewesen war, die Erfindungen des innersten Gehöres einer vorwiegend klangkünstlerischen, tönenden Seele waren. Diese Aussagen treffen Wort für Wort auch für
Blümners Begabung zu. Was sich aber durchaus deutlich und auch für Menschen, die Rudolf Blümners Sprechkunst niemals gehört
haben, sinnig und nacherlebbar schildern lässt, das ist das innere Erlebnis, das der Dichter eines bestimmten Werkes der Dichtkunst hatte, wenn er seine Dichtung, aus dem Munde Blümners als Lautgestaltung
hervorströmend, vernahm. Bereits die ersten beiden treffenden Klänge der formenden Stimme sprengten jene unsichtbare, doch schrecklich würgende Hülle von Einsamkeit, in der das Wortwerk geschrieben wurde und in
der es bis dahin als Abgeschlossenheit geschwiegen hatte. ... Eine Stimme aber, die solche Aufweckungswunder zu vollbringen vermag, ist die gesegnete Stimme eines
dienenden meisters. Eine Sprechkunst, die der Dichtkunst solche erhabenen Dienste zu erweisen vermochte, wird nicht vergessen werden im Diesseits und im Jenseits.
Otto Nebel Kurt Heynicke (1891- ?)Am Ende standen desillusionierende Positionen wie bei Becher oder Bronnen, Kommunismus und
Nationalsozialismus, oder die generelle Absage und das Versickern in Unterhaltungsliteratur wie bei Heynicke.
Manfred Durzak
Hermann Essig (1878-1918)
Hermann Essig war ein Unglückswurm. Er wurde zu seinen Lebzeiten zweimal mit einem Dramatikerpreis abgespeist. Es half aber nichts; man führte wenig von ihm auf, und was gespielt wurde, fiel rasch ab. Ich
sprach ihn während des Krieges einmal, kurz vor seinem plötzlichen Grippetod; er klagte wie immer leise; an den Büchern verdiene er nichts, Aufführungen gäbe es kaum; er hatte eine große Familie. Er gehörte –
scheinbar – zum STURMkreis: man fand aber nach seinem Tode einen sehr bösen Roman “Taifun” in seiner Schublade, der Gift und Hohn über seine scheinbaren Freunde häufte....er besaß die seltene Gabe der dramatischen Komik.
Alfred Döblin Adolf Knoblauch (1882-1951)Die Sturm-Dichter: Sammelname für die zum Sturm-Kreis um Herwarth Walden zählenden Dichter. Zwei
Richtungen: einerseits Else Lasker-Schüler als das geistesverwandte Vorbild von Peter Baum, Adolf Knoblauch, Sophie van Leer, anderseits August Stramm, die Entdeckung Herwath Waldens und im Gefolge
dieser konstruktivistischen Lyrik Dichter wie Franz Richard Behrens, Wilhelm Runge, Lothar Schreyer, Kurt Heynicke, Otto Nebel, Kurt Schwitters, Kirt Liebmann, Kurt Heinar.... Franz Richard Behrens (1895-1977)Barbara betet
Alle Granaten Silberbach Gasruten Mondenbaum
Gewehrfront Freudenhaus Deindu Blutglas Deindu Stirnreif Einmal König Einmal Kelch Heimblut weht gottrotten gut F. R. B.
Alfred Mombert (1872-1942)Dankgesang für Alfred Mombert
Es werden, an saphirene Säulen des Himmels Gelehnt, noch lange Von dir reden Aeon und Sphaira. Es wird die Göttin der Tiefe
Im Traume deinen Namen flüstern, Lächelnd. Es wird Der Abendstern noch deiner Gedenken, wenn die Welt Schon längst Zur letzten Ruhe ging. Fritz Usinger, 1947 Salomo Friedlaender / Mynona (1871-1946)
....ein Lichtenberg unserer Tage (Kubin), ein deutscher Voltaire (Harden), ein Charlie Chaplin der deutschen
Philosophie (anonym), der einzige Erbe Nietzsches (F. v. Brunningen), ein Nietzscherl (Bloch), ein Schüler Jean Pauls (Hennecke), ein zweiter Andersen (Schickele), wie Bukowski (Geerken), das Urbild eines Zynikers
(Scholem), der einzige Metaphysiker dieses Kulturkreises (Hiller), ein Weiser (Strelka), Philosoph und Clown
(Pinthus), ein lachender Philosoph (Tucholsky), ein vergessenes Genie (Strelka), ein Prophet (Daiber), einer der besten Denker (Heinrich Mann), so’n Gedankenstrichjunge (Mynona).....
Hartmut Geerken August Stramm (1874-1915)er august stramm sehr verkürzt hat das deutsche gedicht ihn august stramm verkürzt hat der erste weltkrieg wir haben da
etwas länger gehabt um geschwätzig zu sein
Ernst Jandl “Das Wort “Expressionismus” ist ein Kampfwort. Es bedeutet nichts, wenn man es nicht oder falsch versteht.
Diese Eigenschaft teilt es mit allen Wörtern. Gemeint ist damit: die Kunst zu revolutionieren. Die künstlerischen Ausdrucksmittel zu finden, die den Gemeinschaftswillen der fortschrittlichen Menschen versinnlichen.”
Herwarth Walden, 1938
“Für ihn (den Maler) bedeutet der Expressionismus die letzte Stufe der bürgerlichen Kunst, den Weg zur völligen Negierung der Realität, zum Nihilismus, zum Abstrakten. (Kunst aber ist sinnlich!) Er war der
Totentanz der bürgerlichen Kunst. Durch willkürliche, rebellische – wenn auch subjektiv revolutionär gemeinte! – Formveränderung und Formsprengung glaubten die Expressionisten, oder doch die Mehrzahl der
Expressionisten, objektiv revolutionär zu sein. Darin liegt ihr oft tragischer Irrtum. Denn die übernommene inhaltliche Verarmung der bürgerlichen Kunst blieb, ja, sie verarmte noch mehr, weil positives Erbgut mit
zerschlagen wurde. Das Wesen der Dinge glaubte der Expressionismus zu geben, doch er gab: die Verwesung. – Hier aber liegt auch sein historischer Wert: er öffnet die Augen. Man erkennt die ganze Hoffnungslosigkeit
der bürgerlichen Kunst in ihrer letzten Etappe; an ihrem Ende steht die rein formalistische Disziplinierung der Abstraktion” Heinrich Vogeler, 1938
In der Einleitung zu dem dtv - Band Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts schreibt Gottfried Benn 1955:
Ganz primitiv wäre es, diese Bewegung als Opposition gegen den vorangegangenen naturalistischen Stil zu sehen. Dieser naturalistische Stil war ihr vollkommen gleichgültig, aber die Wirklichkeit, diese sogenannte
Wirklichkeit, die stieß ihr auf. Es gab sie ja gar nicht mehr, es gab nur noch ihre Fratzen (.....) Noch aber steht sie da: 1910 – 1920. Meine Generation! Hämmert das Absolute in abstrakte, harte Formen: Bild,
Vers, Flötenlied. Arm und rein, nie am bürgerlichen Erfolg beteiligt, am Ruhm, am Fett des schlürfenden Gesindes. Lebt von Schatten, macht Kunst. Meine Generation – und heute fast alle tot – nur in den bildenden
Künsten sind noch einige große Alte da. (...) Es war eine belastete Generation: verlacht, verhöhnt, politisch als
entartet ausgestoßen – eine Generation jäh, blitzend, stürzend, von Unfällen und Kriegen betroffen, auf kurzes
Leben angelegt. Ich habe mich in den letzten Jahre oft gefragt, welches das schwerere Verhängnis ist, ein Frühvollendeter oder ein Überlebender, ein Altgewordener zu sein. Ein Überlebender, der zusätzlich die
Aufgabe übernehmen musste, die Irrungen seiner Generation und seine eigenen Irrungen weiterzutragen, bemüht, sie zu einer Art Klärung, zu einer Art Abgesang zu bringen, sie bis in die Stunde der Dämmerung zu
führen, in der der Vogel der Minerva seinen Flug beginnt. (...) Also der Expressionismus und das expressionistische Jahrzehnt: einige über den Kontinent verstreute Gehirne
mit einer neuen Realität und mit neuen Neurosen. Stieg auf, schlug seine Schlachten auf allen katalaunischen
Gefilden und verfiel. Trug seine Fahne über Bastille, Kreml, Golgatha, nur auf den Olymp gelangte er nicht oder
auf anderes klassisches Gelände. Was schreiben wir auf sein Grab? Was man über dies alles schreibt, über alle Leute der Kunst, das heißt der Schmerzen, schreiben wir auf das Grab einen Satz von mir, mit dem ich zum
letzten Mal ihrer aller gedenke: “Du stehst für Reiche, nicht zu deuten, und in denen es keine Siege gibt.” |